18. November 2018 | 16:16 | Kategorie:
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Snowfarming – rotes Tuch oder Chance?

Seit Wochen erhitzen in Tirol Bilder aus Kitzbühel die Gemüter: Bei sommerlichen Temperaturen von 20 Grad Celsius sind am 13.10.2018 auf der Resterhöhe und am 26.10.2018 am Hahnenkamm Skipisten mit Schnee aus dem Vorjahr in Betrieb gegangen. Und das inmitten herbstlich gefärbter Almwiesen in Höhen zwischen 1.700 und 1.900 m. Befürchtet wird u.a., dass durch die Medienberichte über dieses Ereignis die ohnehin schon laute Tourismuskritik zusätzlich angeheizt wird.

Mit Snowfarming zur Pole-Position im Skiwinter

Kitzbühel bemüht sich seit einigen Jahren mittels Snowfarming das erste alpine Skigebiet außerhalb der Gletscherregionen zu sein, das im Herbst – zumindest in Teilbereichen – in Betrieb geht. Doch wohl aufgrund der warmen Herbstwochen und der aktuell tourismuskritischen Stimmung ist aus dem bisherigen Kopfschütteln der Beobachter ein Sturm der Entrüstung geworden.

Das soll Anlass sein, das Thema Snowfarming aufzugreifen, Argumente von Betreibern herauszuarbeiten und einen Blick in die Zukunft zu wagen.

Die Methode des Snowfarming

Beim Snowfarming wird am Ende des Winters Schnee zusammengeschoben und in Depots gelagert. In zunehmendem Maße wird der zu deponierende Schnee unter idealen klimatischen Bedingungen im Jänner und Februar auch mittels technischer Beschneiung produziert. Die Schneehäufen werden mit einer 30 bis 40 cm dicken Schicht aus Sägespänen bzw. Hackschnitzeln oder mit Dämmplatten abgedeckt. Darüber kommen eine Plane als Regenschutz sowie ein weißes Vlies, das die Sonneneinstrahlung reflektiert. Auf diese Weise bleiben über den Sommer etwa 75 bis 85 % des gelagerten Schnees erhalten.

Wissenschaftliche Untersuchungen als Grundlage

Snowfarming wird in Finnland schon seit Beginn der 1980er Jahre angewandt und finnische Unternehmen haben es in dieser Sparte zu einer Meisterschaft gebracht, die international gefragt ist. Vorreiter in den Alpen ist Davos, wo seit 2008 im Zusammenwirken mit dem Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung fundierte Experimente angestellt werden. Inzwischen ist dort Snowfarming Teil der Winterstrategie. Jeweils Ende Oktober / Anfang November stehen Langlaufloipen zur Verfügung, auf denen Spitzensportler und ambitionierte Hobbyläufer beste Trainingsbedingungen vorfinden.

Einsatz für Langlaufloipen und Skipisten

An den meisten Orten, die Snowfarming betreiben, steht der Skilanglauf im Fokus. Das gilt u.a. für Seefeld, Leutasch, Ramsau am Dachstein und das steirische Jogglland, des Weiteren für das italienische Livigno und die nordischen Zentren Ruhpolding und Oberhof in Deutschland. Dank der Schneedepots sind ab diesem Winter in Adelboden die ersten Snowfarming-Skipisten der Schweiz in Betrieb, ebenfalls mit Saisonstart im Oktober. Und angesichts der dahinschmelzenden Gletscher sind die Gletscherskigebiete schon längst auf diesen Zug aufgesprungen.

Was spricht für Snowfarming?

Studiert man Berichte über derzeit bekannte Beispiele, so kristallisieren sich eine Reihe von Faktoren heraus, die aus Sicht der Betreiber für das Snowfarming sprechen.

  • Saisonstart: Sicherer und wetterunabhängiger Start in die Wintersaison zu einem fixen Termin.
  • Schneegarantie: Schnee für Wettbewerbe (Skilauf, Langlauf, Skisprung) und Events.
  • Schneequalität: Der Schnee setzt sich im Depot und er beginnt zu kristallisieren. Er ist somit widerstandsfähiger als frisch gefallener Naturschnee.
  • Grundlage für die Pistenpräparierung: Der Depotschnee liefert eine gute Grundlage für Skipisten und Langlaufloipen, die dann mit technischer Beschneiung und Naturschnee ständig erweitert werden.
  • Effizienz in der Beschneiung: Die immer kürzeren Zeitfenster für die Beschneiung im Herbst (zunehmend wärmere November) können durch Snowfarming ein Stück weit kompensiert werden.
  • Energieaufwand: Bei idealen Bedingungen (Jänner, Februar) erfordert technisch produzierter Schnee deutlich weniger Energieaufwand als die Beschneiung bei geringer Kälte im Herbst (auch unter Berücksichtigung der Depot-Verluste). Zudem reduziert Snowfarming den maschinellen Aufwand beim Herrichten der Pisten am Beginn des Winters.
  • Trainings und Tests: Trainingsmöglichkeiten auf der Loipe und der Piste für Leistungssportler und ambitionierte Hobbysportler einschließlich erster Materialtests auf Schnee.
  • Zeit- und Kostenersparnisse: Auf Trainingsaufenthalte in Skandinavien und auf Gletschern (physiologische Problematik!) kann verzichtet werden. Das trägt auch zur Verringerung des ökologischen Fußabdrucks bei.
  • Zielgruppen mit Multiplikatoreffekt: Aufenthalte von Profis, Clubs und ambitionierten Hobbysportlern wecken das Interesse bei Sportbegeisterten.
  • Werbeeffekt: Vorteile bei der Vermarktung dank frühem und pünktlichem Winterstart. Skigebiete, die als erste in Betrieb gehen, erfahren eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit.
  • Wirtschaftlichkeit: Für die Mehrheit der Anwender ist Snowfarming wirtschaftlich lohnend.

Einige kritische Bemerkungen

Das aktuelle Beispiel Kitzbühel lehrt, dass es im Hinblick auf die Akzeptanz des Snowfarming in der Bevölkerung auch auf das Wann und Wie ankommt. Touristiker sollten so handeln, dass sie ihren durchaus professionell agierenden Kritikern nicht direkt  ins offene Messer laufen.

Es sollte offen kommuniziert werden, dass in den Schneedepots auch ein beträchtlicher Teil an technisch erzeugtem Schnee lagert. Nur von Altschnee zu sprechen und damit zu suggerieren, dass es sich um zusammengeschobenen Naturschnee handelt, ist kontraproduktiv.

Bei der immer wieder betonten ökologischen Nachhaltigkeit des Snowfarming muss nachvollziehbar sein, an welchen Referenzwerten diese festgemacht wird bzw. im Vergleich zu welchen anderen Maßnahmen und in welchem Umfang Snowfarming besser abschneidet.

Blick in die Zukunft

Es ist wohl davon auszugehen, dass sich Snowfarming als eine zusätzliche Antwort auf die verkürzten Winter etablieren wird. Das bestätigt auch eine Umfrage des Schweizerischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung, die zeigt, dass weitere Unternehmen mit Snowfarming beginnen wollen.

Für Langlaufloipen, Sprungschanzen und Events liegt der Einsatz von Snowfarming auf der Hand. In welchem Umfang sich Snowfarming für den Pistenskilauf durchsetzen wird, ist aus heutiger Sicht nicht leicht zu beurteilen. Möglicherweise hilft dazu ein Blick in die Vergangenheit: Als in den 1970er Jahren die Bergbahnbetreiber in Savognin und Lech als erste mit der technischen Beschneiung begonnen haben, wurde ihnen nicht nur von den Umweltschützern der Vogel gezeigt.

19. November 2018, 11:47

Soll man Snow-Farming als ökologisch weniger bedenklich als die künstliche Beschneiung ansehen? Irgendwie wirkt das alles wie ein Rückzugsgefecht, weil wir nicht akzeptieren wollen, dass die Winter immer kürzer werden und auf lange Sicht völlig neue Konzepte erforderlich sind.

Aber da sind wir natürlich auf dünnem Eis: Die neuen Ideen fehlen noch und angesichts von den vielen Millionen, die wir überwiegend sehr erfolgreich in den Ausbau einer Wintersaison gesteckt haben ist das Festhalten nur zu verständlich.

Vielleicht ein Bespiel wie es auch geht: https://www.bernhard-gaul.de/gpxviewer/gpxviewer.php

19. November 2018, 13:24

Danke für den aufschlussreichen konzisen Bericht mit Pro/Kontra zum Snowfarming und seiner Zukunftsfähigkeit.
Deine Abwägungen und Argumentationen sind so gut aufbereitet, dass Du jenen Destinationen/Seilbahngesellschaften, die auf das Snowfarming abstellen, auch wertvolle Hilfestellung für ihre PR- und Öffentlichkeitsarbeit gegeben hast. Zeitgerechtes und professionelles Kommunizieren erscheint mir gerade auch unter ökologischen Gesichtspunkten wichtiger denn je. Oder gilt das Prinzip: Bad News is good News?

19. November 2018, 18:11

ski fahren ist nicht dass einzige, dass man bei uns tun kann. während vor weihnachten vor ein paar jahren tausende leute auf kitzbühels strassen herumgelaufen sind war ich im tier park in aurach fast allein. der frosch schaut nur auf die schlange.

vieles ist möglich, aber nicht alles ist wünschens wert. so könnten wir die weihnachtsmärkte ab mitte oktober starten (dass würde auch ein geschäft bringen) oder karenval wie in velden mitten im hochsommer organisieren. ich aschau im zillertal sind die kühe durch dass dorf getrieben worden für einen reiseveranstalter.

nicht alles was ein geschäft bringt ist auch gut.

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