29. Juni 2020 | 18:26 | Kategorie:
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Tourism 4 Future: Die Kunst des Loslassens

Warum fällt Wandel schwer? Weil es Loslassen bedeutet. Man muss alte Gewohnheiten loslassen. Damit sich neue Gewohnheiten an deren Stelle entwickeln können. Das macht niemand gerne.

Ein Beispiel

In den letzten Jahren musste ich regelmäßig nach Salzburg. Ich bin stets mit dem PKW gefahren. War ja bequem. Ich konnte laut Musik hören, was zuhause eher nicht gewollt wird. Also großartig! Bescherte tolle Gefühle! Dann traf ich einen Freund. Er meinte, ich sollte doch mit der Bahn fahren! Ist viel klimafreundlicher. Hat er mir sogar vorgerechnet. War beeindruckend. Ich bin aber weiter mit dem PKW gefahren. Sie wissen schon, laute Musik, gute Gefühle und so.

Dann musste mein Auto zum Service.  Also fuhr ich mit der Bahn. Auch das nächste und übernächste Mal nahm ich den Zug, weil mein Sohn das Auto brauchte. Ab dann fuhr ich immer mit der Bahn. Selbst wenn das Auto zur Verfügung stand. Warum? Weil es Spaß gemacht hat; habe nette Leute kennengelernt; während der Fahrt einen Kaffee im Bordbistro getrunken und mich auf meine Termine vorbereitet; war sogar zügiger am Ziel; und bei der Retourfahrt habe ich ein Nickerchen gemacht.

Das alles ließ die Fahrt mit dem Auto emotional verblassen. Probieren Sie einmal ein Nickerchen am Nachhauseweg, wenn Sie am Steuer sitzen! Sie kommen garantiert nicht zuhause an.

Was ist das Problem gewesen?

Was hat mich daran gehindert, dem weisen Rat meines Freundes sofort zu folgen? Faulheit? Sicher nicht. Bequemlichkeit? Auch nicht. Sonst würde ich nicht so konsequent für den Wandel eintreten. Ist so ziemlich das Unbequemste, das man sich vorstellen kann. Glauben Sie mir! Dauernd hat man viele Menschen gegen sich! Das soll bequem sein?

Was war es dann?

Die Antwort ist viel einfacher als man denkt

Das Autofahren hat mir gute Gefühle beschert. Solange ich keine emotionale Alternative dazu hatte, konnte ich nicht wählen. Da nutzten auch die guten Ratschläge meines Freundes nicht. Sind eben rationale Argumente gewesen und nicht Gefühle.
Aber plötzlich hatte ich eine emotionale Alternative, die sich noch viel besser anfühlte als die emotionalen Begleiterscheinungen des Autofahrens. Erst jetzt konnte ich wählen.
Mit anderen Worten, Loslassen fordert emotional heraus. Es braucht alternative Handlungsweisen mit guter emotionaler Begleitung. Gibt es die nicht, scheitern wir in der Regel an der Aufgabe. Denn wir haben dann keine Wahl. Und das geht allen so.

Gewohnheiten gehen mit guten Gefühlen einher

Dazu zählt etwa Sicherheit. Wird eine lang gepflegte Gewohnheit losgelassen, stellt sich sofort ein Gefühl der Unsicherheit ein. Ich müsste also ein gutes gegen ein schlechtes Gefühl tauschen. Oder Gewissheit, es richtig zu machen. Wenn ich loslasse, verliere ich dieses Gefühl und es befallen mich Zweifel. Gewissheit gegen Zweifel ist emotional ein schlechter Tausch. Ich lasse es lieber.
Und überhaupt, Neues anstelle des Alten, das ich loslassen soll! Es kommt Angst auf, wenn ich nur daran denke! Angst vor dem Scheitern. Angst vor Strafe. Angst vor Blamage. Angst davor, dass ich keine Aufträge, keine Arbeit mehr bekomme, wenn es nicht klappt.

Eine weitere Erschwernis: Wir betrachten alles aus einer rationalen Perspektive. Daher bemerken wir unseren Fehler nicht. Dass eben Loslassen viel mehr eine emotionale Aufgabe ist als eine rationale Aufgabe. Würde man es erkennen, wüsste man, was zu tun ist:

Loslassen besteht aus zwei Teilen

Teil 1: Vertrauen fassen. Vertrauen ist ein emotionales Versprechen an die Zukunft, dass es gelingen wird. Kann man üben. Wenn es soweit ist, verwandelt es sich in Freude über das Gelungene. Mithin ein guter Start für die Verhaltensalternative.
Teil 2: Sich auf Neues Einlassen. Das hat oft einen experimentellen Charakter. Man probiert. Erfolgt es spielerisch, kommt zusätzlich ein entsprechend gutes Gefühl dazu, weil die spielerische Haltung emotional eben guttut.

Dass wir Menschen dieses Loslassen grundsätzlich können, hat nicht zuletzt Corona bewiesen. Im Shutdown war plötzlich vieles anders. Beispielsweise Home-Office statt Büroarbeit. Wie das geht, musste erst individuell erprobt und gefunden werden. So wie es scheint, ist das vielen gelungen und hat sich mit einem entsprechend guten Gefühl verbunden. Fortan eine ernsthafte Alternative also.

Meine aufmerksamen LeserInnen wissen schon, was jetzt kommt

Erraten! Ich halte Freizeit und Tourismus für ein ideales Pflaster für diese Aufgabe. Die Menschen sind im Vorhinein gut gestimmt. Sie sind neugierig und auf Entdeckungen aus. Emotional eine vortreffliche Mischung, um Neues auszuprobieren und das Loslassen zu üben.

Zum Abschluss noch ein paar Zahlen für Interessierte

Ich kehre zum Anfang zurück: Bahn statt Auto auf der Strecke Wien-Salzburg-Wien bedeutet für eine Hin- und Rückfahrt laut ÖBB rund 126 kg weniger an CO2-Emissionen. Ich war einmal die Woche unterwegs und das acht Monate im Jahr. Das Ergebnis aufs Jahr gerechnet: 32 x 126kg = ca. 4 Tonnen CO2 weniger!
Jetzt die Zielrechnung: Laut aktuellem Regierungsprogramm sollte jede/r Österreicher/in bis 2040 von durchschnittlich heutigen 14 Tonnen CO2 auf 1,4 Tonnen CO2 kommen. Rund 27% davon gehen aufs Konto der Mobilität; das sind 3,4 Tonnen weniger auf 20 Jahre oder 170kg pro Jahr. Im Vergleich dazu mein Jahresergebnis mit Bahn statt Auto: 4 Tonnen CO2 weniger. Macht sprachlos, oder?

Ich habe die Zielvorgabe weit übertroffen. Wer´s nicht glaubt, dem rechne ich das gerne persönlich vor.
Stellen Sie sich einmal vor, alle machen das! Und dann noch, wir beginnen damit im österreichischen Tourismus! Warum? Weil der emotional prädestiniert dafür ist!

29. Juni 2020, 18:58

Mitarbeit als „Entspannung“ anbieten, nicht nur der Früchte, der Ernte wegen – sondern auch neue Erfahrungen, wie geht es mir, wenn ich diese Dienstleistung anbiete, mache und loslassen, von sofortiger Bezahlung, Lohn,…irgendwann wird schon von irgend einer Seite mir Gutes geschehen, getan werden – im Vertrauen sein, dass es Kreisläufe gibt, unsichtbar oft, spürbar manchmal, wie es glücklich macht. „Freiwilliger Einsatz, Arbeit im Gemeinschaftsgärten, im Kirschenpflücken oder am fremden Erdäpfelacker, hegen pflegen. Auch Kirchberg am Wagram, “Essbare Gemeinde“ ist so ein Beispiel: man Fahrt dorthin, nicht nur zum Ernten, sondern auch Wildobstsorten, verschiedene Arten kennen zulernen und nette Menschen zu treffen, sich auszutauschen, Vorort oder in diesen oder jenen Gastgarten, fachsimpeln, neue Ideen zu gebären…Fahrgemeinschaften bilden, selbst Hand anlegen beim Organisieren, Durchführen!
Danke und ein grosses Bravo für seine Projekte – werter Gerhard Frank und seiner Familie! Lieben Gruss Augustine

30. Juni 2020, 8:18

…. und es hat wieder „Whamm…!“ – Vielen Dank lieber Gerhard Frank. Erkenntnisse und Gefühle aus persönlichen Erfahrungen, gewürzt mit echten Zahlen. Da schaut man doch gleich in´s eigene digitale Fahrtenbuch!

Und jetzt kommt noch ein kleiner und dabei vielleicht sogar DER Aspekt hinzu, im Blog-Beitrag schon erwähnt, im Kommentar großartig ausgebreitet: das Menschliche! Das eigene pure Mensch-Sein in allen Facetten erleben im Neuen Tun. Das Miteinander im ungewohnten „Neuland“. Das motivierende Gemeinsam-Tun und dabei spüren, das es gut ist. Endlich mal einfach gutes Gewissen spüren. Und das nicht nur für die eigene kleine Vergänglichkeit – eh: das auch! – doch für den Nächsten dort, die Nächsten da vorne, all die Kleinen, die da kommen und groß werden, um unsere Taten in ihrer Weise weiter zu führen. Und by the way – sorry, für die Pathetik – für unseren Planeten.

Als Touristikerin mit D-A-CH Reichweite höre ich in vielen Gesprächen mit Gastgebern aller Kategorien regelmäßg, dass „die Gäste nicht mehr die sind, die sie mal waren“. Übrigens schon vor Corona. Das gesellige Zusammensitzen abends mit den neuen Begegnungen und Gesprächen, die die Welt besser vestehen lassen, weil einfach mehr Meinungen an der Hauswand sitzen als üblicherweise im eigenen „Tribe“ daheim – verlaufen verkürzt oder sind komplett geschenkt!

Wenn sich hingegen unterschiedliche Menschen aufmachen, Altes loszulassen, um Neues zu probieren, zu erforschen, erhalten sie das großartige Geschenk der Verbindung. Veredelt mit einem alles ver-ein-enden Mut. Mit dem Topic der vieles leichter machenden Zuversicht, die unablässig von hinten anschiebt …

Das alles gibt es frei dazu, wenn wir neue – sinnvollere, weil nachhaltigere – Wege beginnen – auch und gerade im Tourismus.

Lasst uns den Gästen solche Einladungen zum Neu-Erleben aussprechen.
Zeigen wir ihnen Tore, durch die sie leicht gehen können –
die Gäste werden kommen!

27. Juli 2020, 13:19

Hi Gerhard,
danke für die tolle Anregung. Loslassen ist einfach ein Thema, dass immer wieder aufkommt. Meine eigene Erfahrung ist, dass es immer wie du schon sagst auch mit einer Zukunftsrealität zu tun hat, die wir uns wünschen und bei der wir aber kein Vertrauen haben. Dann halten wir an Altem in der Gegenwart fest und haben keinerlei Spielraum die Gedanken und Emotionen frei zu bekommen. Also helfen nur die Glaubenssätze zu lösen, die wir auf Themen wie Zukunft, Tod usw. für uns definiert haben.

Alles liebe,
Dominik

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