18. November 2022 | 11:25 | Kategorie:
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Ist ein Tourismusverband eigentlich „nur“ ein „Tourismus“verband?

Allein die Bezeichnung „Tourismusverband (TVB)“ per se würde eigentlich ja schon das Aufgabengebiet definieren – ein Verband, der sich umfänglich um die Interessen und Belange der TOURISTEN kümmert…oder?

Die Praxis zeigt jedoch seit Jahren einen laufenden Wandel der praktischen Tätigkeiten, nicht jedoch zwingend der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Ein moderner Tourismusverband agiert in vielen Fällen eher schon als Lebensraummanagement. Von Freizeitinfrastrukturen über Veranstaltungen, als Betriebscoach, Angebotsentwickler, Marketingorganisation bis hin zu Mobilitätsthemen. Aber auch immer mehr an Nutzungskonflikten am Berg, im Tal, am Wanderweg, am Radweg, auf der Loipe usw. usw. sind tägliche Aufgaben, mit denen sich TVBs auseinandersetzen müssen. Ausgelöst und diskutiert oftmals mehr von Einheimischen denn von Gästen…..so befasst sich ein beträchtlicher Teil des Arbeitsvolumens längst intensiv mit dem Handling diversester Interessen INNERHALB der Region, und viel weniger mit den Anliegen des TOURISTEN….

Damals – war es einfach anders…

War in früheren Jahren die Wahrnehmung eines TVBs eher konzentriert auf „Gästeinfo und Prospektverteilung“, so sehen sich inzwischen TVBs mit immer mehr Ansprüchen, quer durch die einheimische Bevölkerung (ja richtig, nicht nur seitens der Touristen) konfrontiert. Man mag es kaum glauben, immer mehr Einheimische sehen sich gar bemüßigt, den Tourismus und damit verbunden den Tourismusverband für Hemmnisse, Problem(chen) und Befindlichkeiten unterschiedlichster Art verantwortlich zu machen, oder gar zu hinterfragen? Ja darf denn das sein, könnte man sich fragen? Ironie off…..

Meine Antwort lautet: JA – denn es geht um einen (unseren) LEBENSRAUM, der von (dauerhaften oder temporären) Einheimischen ge-/benutzt wird. Waren früher viele Einheimische unmittelbare und direkte Nutznießer des Gastes, so sehen sich immer mehr als Unbeteiligte und somit durch saisonal einfallende Gästescharen in ihrem Freiraum beeinträchtigt.
Zu Recht? Darauf gibt es wohl keine pauschale Antwort, es zeigt aber die Herausforderung, mit welcher Tourismusverbände/DMOs immer stärker konfrontiert sind – ob uns das passt oder nicht!

Daher wäre es generell, im Sinne einer ganzheitlichen Wahrnehmung, wohl an der Zeit, nicht nur die Bezeichnung, sondern auch das generelle Zusammenspiel in regionalen Lebensräumen zu beleuchten und damit verbunden auch einen gewissen CHANGE durchzuführen. Denn – Gesetz hin oder her – eine Tourismusorganisation kann – und will –  sich vielen dieser Herausforderungen ohnehin nicht verschließen, warum dann nicht gleich strukturelle Verschränkungen, in und außerhalb der jeweiligen Region, institutionalisieren und damit stärker im Bewußtsein ALLER zu verankern? Weniger Strukturen und Ebenen – mehr Bedürfnis- und InteressensManagement also?

Eines ist jedenfalls klar – es geht immer weniger um reines Tourismusmanagement, sondern längst um Lebensraummanagement. Und das möglichst zum Wohle und Nutzen aller (vieler ) Menschen, die in diesem Lebensraum leben, arbeiten – oder einfach nur Urlaub machen.

Und siehe da: unter Umständen könnte sich dann auch die immer häufigere Frage nach der schwindenden Tourismusgesinnung erübrigen, denn der Lebensraum wird dann – von und mit vielen für alle – vorteilhaft bewirtschaftet und genutzt. Wechselseitiges Verständnis würde gefördert, und der missverständlich so bezeichnete Tourismus(verband)/DMO würde dann plötzlich zum Wohle aller – und irreführenderweise nicht nur der Touristen – agieren.

Irgendwie ein schönes Bild, oder? 😉 It´s time for CHANGE…..

18. November 2022, 14:29

Super Ansatz lieber Gernot.
Ein enger Austausch zwischen TVBs und Regionalmanagement oder gar eine Zusammenlegung zu größeren Lebensraumorganisationen würde die Kommunikation von und mit den Einheimischen massiv verbessern und sich sicherlich auch positiv auf die Tourismusgesinnung auswirken. Das wär defintiv ein CHANGE hin zum Positiven

19. November 2022, 9:00

Lieber Gernot,
grundsätzlich stimme ich deiner Argumentation zu, aber …

… nachdem in meinem Bundesland aus 99 Tourismusverbänden 9 Erlebnisregionen gebildet wurden, habe ich leider den Eindruck, dass sich eine Tourismusregion zwar lt. deinen Darstellungen um den TOURISTEN kümmert soll, aber leider nicht um PRODUKTE, die aber nach wie vor die Inhalte eines Aufenthaltes darstellen. Vielmehr sind diese Organisationen nur Nutznießer der vorhandenen Infrastrukturen und eingeführter Events. Hinzu kommt, dass diese vorhandenen PRODUKTE nicht mehr von „Tourismusverbänden“ finanziell gefördert ( z.B. Interessentenbeiträge) sondern nur noch durch lokale Kommunen unterhalten werden – müssen!
Ja, es ist richtig, dass früher der Tourismusverband mehr Öffentlichkeitsarbeit betrieben hat – vor Ort oder auf Aussenveranstaltungen oder 400 Poststücke täglich auf den Weg brachten. Ja, es gibt damals wie heute ein gesundes Kirchturmdenken der EINHEIMISCHEN.
Daher erscheint mir, dass die neu geschaffen Organisationen wieder mehr nach innen wirken und unterstützen sollten!

19. November 2022, 12:01

Eine lange gehegte Wunschvorstellung, diese veralteten, verkrusteten, hinderlichen und den Lebensraum tatsächlich oftmals behindernden Strukturen aufzubrechen und tatsächlich einen modernen „Change“ einzuleiten!

Bedürfnis- und Interessensmanagement – perfekt!

Es geht nur um die schönen Dinge des Lebens! Warum sich in diesen tristen Zeiten nicht hemmungslos darin entfalten?

All die „Leidenschaften“ der Akteure woraus sich deren Bedürfnisse manifestieren sind eigentlich „Glückschaften“ – weil sie letztendlich Glück statt Leiden schaffen.

Vielleicht braucht es eine Revolution anstatt eines „Changes“, der ja schon lange hätte stattfinden können.

19. November 2022, 17:51

Gernot Riedl spricht eine Thematik an, die, wie er zu Recht bemerkt, noch nicht so richtig in der breiten Öffentlichkeit angekommen ist: das zunehmend größere Aufgabenspektrum der Tourismusverbände und das Verständnis der Destination als Lebensraum. Im Folgenden einige Beobachtungen und Gedanken zu seinen Ausführungen (wobei ich primär die Situation in Tirol im Auge habe).

Es liegt in der Natur der Sache, dass Organisationen und deren Aufgaben mit den Jahren einem Wandel unterliegen. Das gilt auch für Tourismusorganisationen, deren Aufgabenfeld in den letzten Dekaden stets breiter geworden ist. Dafür sind eine Reihe von Gründen verantwortlich, wie z.B. die Budgetknappheit der Gemeinden, die Nutzung von Synergieeffekten mit Freizeiteinrichtungen bzw. -angeboten für die lokale Bevölkerung oder das Bestreben nach einem möglichst umfassenden und bequem zu nutzenden Angebot für die Gäste. Nicht umsonst wurde in diesem Zusammenhang gerne der Begriff Destinationsmanagement (-organisation) verwendet, der jedoch in der rechtlichen Terminologie keinen Niederschlag gefunden hat.

Wenn das stets größere Leistungsspektrum der Tourismusorganisationen bei der lokalen / regionalen Bevölkerung noch nicht im erwünschten Umfang angekommen ist, so hat das zumindest zwei Gründe: Zum einen haben einmal gelernte Stereotype, in diesem Fall die klassischen Aufgaben des TVB, ein hohes Beharrungsvermögen in den Köpfen, und zum anderen ist die gängige Kommunikation der Tourismusverbände nicht unbedingt dazu angetan, ihr geändertes Selbstverständnis rasch und umfassend bei den Menschen zu verankern.

Was die angesprochenen strukturellen Verschränkungen betrifft, so besteht natürlich Luft nach oben. Aus meiner Sicht läuft das Zusammenwirken von Tourismusverbänden und Regionalmanagements (inkl. LEADER) in vielen Fällen sehr gut, weiteren Verbesserungen sollte aber nichts im Wege stehen. Dem Zusammenschluss zu einer übergreifenden Lebensraumorganisation, wie sie Theresa Haid in ihrem Kommentar in den Raum stellt, würde ich wegen der enormen Fülle an Aufgaben und der damit einhergehenden, erforderlichen Spezialisierungen jedoch nicht das Wort reden. Das ist ja auch auf Landesebene nicht der Fall, wo Tirol Werbung, Agrarmarketing Tirol und Standortagentur Tirol, koordiniert unter dem gemeinsamen Dach der Lebensraum Tirol Holding, ihre jeweiligen Kernbereiche abdecken.

19. November 2022, 18:00

Lieber Gernot, Deine Reflexionen sind immer erfrischend und fundiert.
Schon vor Jahrzehnten sprach man vom Tourismusverband als „Schattengemeinde“. Es ist ganz klar, dass mit seinen vielfältigen Aufgaben der Lebens- und Freizeitraum einer Gemeinde, einer Destination gestaltet und gemanagt wird. Mit der Definition „Tourismus ist die temporäre Ortsveränderung durch Reisen von Personen in Destinationen, die sich außerhalb ihres üblichen Wohn- oder Arbeitsorts befinden“, gemeint. Die reisenden Personen werden Touristen. Gewiss greift dieser Ansatz gerade heute zu kurz. Ein sogenannter Tourismusverband bedient genauso Einheimische wie Touristen. Beide profitieren von der von Tourismusverband wie Gemeinde geschaffenen Infrastruktur (Aufstiegshilfen, Bäder, Loipen, Wanderwege etc.), Organisation von attraktiven Veranstaltungen und vieles andere mehr. Ohne den Wohlstand, der durch die Touristen kam, wäre eine derartige Freizeitinfrastruktur nie möglich (gewesen). Damit hat sich auch der Lebensraum der Einheimischen in der Regel verbessert, die Attraktivität des Ortes ist gestiegen und damit auch die Preise der Grundstücke. Dass die die Tourismusgesinnung in nicht wenigen Orten bzw. Destinationen auf der Strecke blieb, hängt vor allem damit zusammen, dass der Arbeitsplatz im Tourismus für viele Einheimischen nicht mehr erstrebenswert ist. Ja, CHANGE ist angesagt, aber nicht nur in einer vielleicht realitätsnäheren Bezeichnung der Tourismusorganisation, sondern in einer wohl noch nie dagewesenen Transformation. Strukturen und Strategien werden angepasst werden müssen. Die immer größer werdende Personalnot, der Klimawandel, gesellschaftliche Veränderungen bis in die hintersten Täler, Chancen im High-Tech-Bereich auch durch die digitale Infrastruktur, um nur einiges zu nennen, werden Tourismusorganisation und Gemeinden noch mehr zusammenspannen (müssen) und zu einem LEBENSRAUM machen.

21. November 2022, 18:12

Lieber Gernot, liebe Diskussionsteilnehmer:innen,
danke für diesen spannenden Austausch.
Zum Triumvirat Tourismusverband, Regionalentwicklung und Bevölkerung möchte ich den Aspekt der Lebensqualität hinzufügen.
Wäre es als Gedankenexperiment vorstellbar, jegliche Bestrebungen in der Entwicklung von Lebensräumen den Aspekten der Lebensqualität unterzuordnen? Lebensqualität versteht sich dabei als das Ergebnis objektiver Messungen und subjektiver Empfindungen hinsichtlich einer Vielzahl unterschiedlicher Aspekte (z.B. Gesundheit, Wohlstand, Sicherheit, soziale Anerkennung,…). Wenn die Lebensqualität der Bevölkerung durch wirtschaftliche, soziale, technologische und ökologische Entwicklungen positiv beeinflusst würde, wäre dies nicht ein lohnenswertes Ziel?
Könnte man daraus letztlich nicht auch neue touristische Kennzahlen zur „Erfolgs“messung ableiten?

22. November 2022, 17:28

Hallo Daniel, ich denke, daß alles, was eine Messung abseits von Nächtigungszahlen ermöglicht, förderlich und erstrebenswert ist. Und ich hoffe, daß die notwendigen Strukturprozesse, zu denen wir als TVBs im Sinne einer positiven Weiterentwicklung von Regionen ( was nicht zwingend Wachstum bedeutet ) sicher gerne beitragen. Denn nur, wenn möglichst viele Beteiligte im selben Boot sitzen und idealerweise in Richtung eines gemeinsamen Ziels rudern, können wir auch (näher) ans Ziel kommen.

Denn wie heisst es so schön: der Weg ist das Ziel….

PS: Danke auch allen anderen Kommentaren, ich hoffe, diese Diskussion wird weiterhin konstruktiv geführt!

23. November 2022, 9:46

Ein spannender Artikel dazu aus der Kleinen Zeitung vom 20.11.:

Autarke Weltbürger im gerodeten Hinterwald
(Ernst Sittinger)

Vor 50 Jahren kursierte der Wahlspruch „Think global, act local“. Mann soll demnach stets das große Ganze im Blick haben, zugleich aber ortsbezogen handeln. Das war ein ziemlich
brauchbarer Hinweis darauf, wie wir uns sinnvoll einrichten können im Spannungsfeld zwischen weltweiter Ver-flechtung und lokal begrenzter Selbstwirksamkeit.
Heute hält uns dieser Spannungsbogen um ein Vielfaches fester im Griff. Als habituelle Weltbürger sind wir global
verbunden, vernetzt und verstrickt: Alles hängt mit allem zusammen. Dampfmaschine und Industrialisierung brachten uns Welthandel, Weltkriege, die UNO, die Menschenrechte und den globalen Tourismus. Und jede Menge weltweite Probleme: Klimawandel, knappe Ressourcen, Artensterben, Überbevölkerung.
Zugleich haben wir stärker denn je die Chance, anstehende Aufgaben gemeinsam zu lösen. Internet und Smartphone haben sozusagen das globale Dorf noch weiter schrumpfen lassen zu einem kugelrunden
24/7-Wohnzimmer, in dem alles zugleich stattfindet.
Die Regionen haben sich vor diesem Hintergrund erstaun-lich gut gehalten, wenn sie auch von den epochalen Veränderungen nicht unberührt blieben. In gewissem Sinn wurde die Region zugleich geschwächt und gestärkt: Sie hat das Mon-pol als starre Hintergrundfolie und alleiniges Spielfeld unseres Lebens verloren. Doch je stärker die Tapeten wechselten, je flotter die Globetrotter in die Welt hinausströmten, desto mehr wurde ihnen die Heimat zum Identitätsanker. Das Regionale, Bodenständige verheißt den Rastlosen Halt.
Noch von unseren Großeltern erzählt man sich, dass ein beträchtlicher Teil der Generation nie wirklich über die Bezirks-oder Landesgrenzen
hinausgekommen ist (mit den Soldaten als tragischer Ausnah-
me). Das war sozusagen eine erzwungene Verwurzelung als Folge fehlender Mobilität. Daraus entwickelte sich das Fernweh: Sehnsüchte und Träume flogen hinaus in die damals noch „weite“ Welt. Die unbekannte Fremde, eine Terra incognita, wurde gerne verherrlicht als Gegenentwurf zum eigenen, oft kargen Leben. Die Gedanken waren ja frei. Sie flogen dorthin, wo der Pfeffer wächst.
Erst unsere Eltern konnten ihre Reisesehnsüchte real umsetzen. Sie beantragten Reisepässe und machten sich auf den Weg, die Ferne zu erkunden. Diese Möglichkeit verdanken sie der weltpolitischen Gunstlage und einer Turbo-Weltwirtschaft mit globalen Lieferketten und eng verflochtenen Wertschöp-fungsschritten. Es entfaltete sich zunächst nur im OECD-Westen – ein Massenwohlstand, der seinerseits Grenzen und Perspektiven verschob: Mit der Mobilität wandelte sich unser Blick auf die Welt. Die fernen Gestade rückten rasch näher. Ihre Exotik verblasste.
Heute gibt es keine Überraschungen mehr. Die Touristenmeilen der Innenstädte sind verwechselbar assimiliert. Man muss sich schon als Multimilliardär auf den Mond schießen
lassen, um überhaupt die Chance auf exklusive Reiseerlebnisse zu haben. Weil das Fortfahren keine Sensation mehr ist, steht andererseits einer Rückbesinnung auf die Herkunft plötzlich nichts mehr im Weg.
„Aber dann in weiter Ferne / hab ich Sehnsucht nach zu Haus“, heißt es in einem Lied von Freddie Quinn.
Und tatsächlich: Je alltäglicher der Kontinentalflug wurde, desto mehr rückte plötzlich wieder die Region in den Blick. Das Kleinräumige, Authentische, Angestammte gilt in unseren Tagen als seriöser Ausweg aus der multifaktoriellen Wohl-stands- und Lebensstilkrise.
Denn die umfassende Vernet-zung hat uns eben nicht nur reich gemacht, sondern auch verletzlich. Transport braucht Infrastruktur. Die kann über Nacht wegbrechen: Wirtschaftskrisen, Pandemie und Ukraine-Krieg haben gezeigt, dass unsere weltweiten Handelsbeziehungen und Gesprächskanäle keine schmiedeeisernen Ketten sind, sondern zerbrechliche Glasfasern.
Deshalb empfiehlt es sich, neben dem Spielbein der Internationalität das sichere Stand-bein regionaler Kooperation ins Zentrum unseres Trachtens und Wirkens zu stellen. Die Krise des Transports lässt uns nach einer Architektur der kurzen Wege rufen. Denn auf das, was unsere eigene Region unmittelbar an Ressourcen bietet, können wir in ganz anderer Qualität zugreifen. Wir können darauf bauen, damit rechnen, uns darauf verlassen.
Die Begriffe saisonal und regional sind zu Gütesiegeln ge-worden, zuerst im Supermarkt-
regal und dann auch im restlichen Leben. Gemeinden geben
örtliche Währungen aus, Milch-automaten und Hofläden über-ziehen das Land. Stromverbrau-cher kleben Solarpaneele aufs
Dach und werden zu „Prosumern“. Aussteiger sehnen sich nach Autarkie im Gemüsebeet. Reparaturnetzwerke und klein-räumige Verwertungskreisläufe blühen. Homeoffice ist das Wort der Stunde, der Urlaub vor der Haustüre boomt. Gerade, weil wir (noch) beliebig herumfahren können, müssen wir im Grunde nirgends mehr unbedingt hin.
Die Rückbesinnung auf die Kraft der Region kann uns helfen, friedlichere, gerechtere behutsamere Lebensentwürfe und Konsummuster zu finden. Im Zeitalter der weltweiten Urbanisierung kann der Glanz der Region zum Angelpunkt für das Weiter-und Überleben ausgedünnter, überalterter Landstriche werden.
Eine Schubumkehr in Rich-tung Hurra-Lokalpatriotismus ist das freilich nicht. Die Liebe zur Region erfordert zeitgemäße Interpretation. Regionale Strahlkraft entsteht nicht durch Kirchturmdenken und auch nicht im verengten Blick auf den eigenen Bauchnabel. Nötig sind Kreativität und Veränderungswille. Wer sich infragestellen und neu erfinden kann, der hat Bestand. Heimat sei „Tiefe, nicht Enge“, sagte einst der steirische Kulturpolitiker Hanns Koren.
Womöglich stehen wir wieder dort, wo wir schon vor 50 Jahren waren: Denke global, handle lokal. Doch gerade deshalb, weil unsere Erdkugel so eng geworden ist, spüren wir plötzlich den Freiraum der
Region. Den „Hinterwald“ und den Hinterwäldler gibt es sowieso nicht mehr, seit das Internet auch im verstecktesten Winkel ein Tor zur Welt öffnet. Es gibt also keine Ausreden. Die Region ist besser durchlüftet denn je. Jetzt müssen wir nur noch entschlossen sein, ihre Chancen zu nützen.

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