3. Dezember 2023 | 12:00 | Kategorie:
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Zukunft Winter: eine Frage der Kultur

Der alpine Skilauf – wie wir ihn praktizieren – ist historisch gesehen ein junges Phänomen. Nachdem Skipioniere wie Mathias Zdarsky zu Beginn des 20. Jahrhunderts die technischen und methodisch-didaktischen Grundlagen geschaffen hatten, erfolgte in den letzten 50 Jahren mit modernen Aufstiegshilfen, technischer Beschneiung und entsprechender Pistenpräparation eine unheimliche Beschleunigung.

Es wäre interessant, einmal die Steigerung bei der kumulierten Förderleistung im Laufe der Jahre darzustellen, auch den tatsächlichen Skier Days und Fahrten im Saison- oder Tagesverlauf gegenüberzustellen: also das Angebot an Aufstiegshilfen (und den damit zusammenhängenden Pisten) der realisierten Nachfrage. Da würden wahrscheinlich erhebliche Überkapazitäten sichtbar.

Wer es körperlich durchsteht, kann an einem einzigen Skitag mehr als 10.000 Höhenmeter „bewältigen“. Die meisten Gäste sind aber nach deutlich weniger Abfahrten bereits „geschafft“. Sie profitieren von der sensationell hohen Pistenqualität; aber die auch am Nachmittag vielfach noch glattgebügelten und griffig-harten Bedingungen (wie vielleicht auch Sturzhelm und Rückenprotektor) verleiten dazu, immer flotter skizufahren. Während die Liftfahrt selbst heutzutage – ob geringer Anstell- und Fahrzeiten – weniger zur Erholung beiträgt.

 

Schneller, höher, weiter?

Das Fazit lautet: Wir sind derzeit in einer Kultur des „schneller, höher, weiter“ gefangen. Ältere Menschen werden durch Raserei abgeschreckt, fürchten das (tatsächliche oder subjektive) Verletzungsrisiko und hören auf skizufahren — obwohl sie aufgrund der demografischen Entwicklung gefragt wie nie zuvor sind. Aber auch die Jungen finden offensichtlich eine soziale, kooperative Atmosphäre – wie z.B. beim Skateboarden – attraktiver. Es war bemerkenswert, dass während der Coronapandemie das Snowboarden (insbesondere in Parks) im Vergleich zum Skifahren weniger zurückgegangen ist.

Wie verläuft so ein (hoffentlich langer) Skitag? Wie ist es um Dramaturgie, Spannungsbogen oder (Glücks-)Gefühle bestellt? Welche Erlebnisse können unsere Gäste haben, wie können wir für Abwechslung und Überraschung sorgen? Was wäre ein skalierbarer Gegenentwurf zu einem gnadenlos optimierten „Vollgas-Skilauf“?

Das fängt bei den Vorstellungen zur Skitechnik an, hier auf dem TP-Blog hat Ihr Autor schon einmal für Glücksgefühle durch Flow beim Schwingen statt „Schönskilauf“ plädiert. Alle sind gefragt und ganz besonders das Skilehrwesen und die Sportartikelindustrie. Denn wir müssen unser Kernprodukt weiterentwickeln, wir sollten diversifizieren. Zwei strategische Ansätze kommen in den Sinn:

 

1️⃣ Slow Snow

Die Slow Food-Bewegung entstand 1986 in Italien als Reaktion auf weitverbreitetes Fast Food und industrielle Lebensmittelproduktion. Initiator Carlo Petrini protestierte erfolgreich gegen die Eröffnung eines McDonald’s-Restaurants am römischen Pantheon. Die Bewegung setzt sich für langsame, bewusste und nachhaltige Ernährung ein, betont Tradition und Qualität.

In Analogie dazu kommt gleich der Tourenskilauf oder das Pistengehen in den Sinn. Aber längere Aufstiege sind nicht jedermanns Sache, allein schon von der körperlichen Beanspruchung her. Das trifft wohl auch auf die An- und Abreise per Fahrrad („Bike & Ski“) zu.

Stattdessen könnten wir mit einer Art Telemark-Ausrüstung unterwegs sein – ganz leichtes Material, das wahlweise mit oder ohne fixierte Ferse für alpine Abfahrten (inklusive kleineren Sprüngen), aber auch leichtere Aufstiege und – mit Teleskopstöcken – vielleicht sogar zeitweiliges Skiwandern geeignet ist!

Aufstiegshilfen und Pisten sind mit einem solchen Material und der in den Alpen verbreiteten Topografie selbstverständlich immer noch zentral; wobei plötzlich auch Geländeformen mit sanftem Auf und Ab interessant wären, die wir beim exzessiven Kilometerfressen und Tempobolzen gerne links liegen lassen. „Pisten“ bzw. Routen könnten abschnittsweise die Charakteristik von Funslopes oder Loipen haben. Der Schnee müsste nicht so kompakt sein, die Schneeauflage und auch der Präparationsaufwand wären möglicherweise geringer.

Gut vorstellbar, dass eine solche flexible Ausrüstung für das Bewegungslernen durchaus hilfreich ist; wie in Skandinavien auch im Winter üblich sollte es eine Erlebnisinszenierung mit Stationen oder eben Möglichkeiten für längere Ausflüge geben: Das Skilehrwesen könnte sich damit neu positionieren, neben dem Skiunterricht im engeren Sinn auch viel stärker in Richtung Naturvermittlung profilieren.

 

2️⃣ Urban Mountain Parks

Ihr Autor hat hier am TP-Blog bereits über „urbane Bewegungsformen wie Rollsport als Chance für den Nachwuchs“ geschrieben:

Für den Klettersport dürfte der Transfer aus der Kletterhalle auf den Berg durchaus funktionieren. Die alpinen Vereine haben jedenfalls diese Chance zur Rekrutierung neuer Bergsportbegeisterter (und Mitglieder) vor geraumer Zeit erkannt. Aus Kletterhallen mit Bouldern und Toprope-Sicherung geht es hinaus in Klettergärten, Klettersteige und letztendlich das gesamte Spektrum der Alpinistik.

So ähnlich könnte es auch mit dem „Rollsport“ funktionieren, denn Parks für Skateboard, Scooter und BMX sind im urbanen Umfeld sehr gefragt. Vom Pumptrack könnte es in Richtung Trailpark am Berg gehen. Was den Charme hat, in der Jugendkultur bereits gut verankert zu sein. Auch der Schneesport sollte viel mehr auf Freeski setzen, Parks für Ski und Snowboard direkt in den Städten mit Trockenpisten entstehen. Von dort ginge es dann in Actionparks wie jene von Woodward.  

Outdoor-Angebote mit Trockenpiste wie CopenHill oder Skihallen wie SNØ Oslo (mit Langlaufloipe!) sind natürlich spektakuläre Infrastrukturen, 1927/1928 gab es übrigens auch schon einmal in Wien einen „Schneepalast“. Kulturell sollten solche Anlagen sehr viel bewirken, weil sie bestenfalls Ikonen und Teil des städtischen Lebens werden. Sie könnten – ebenso wie stadtnahe Skigebiete und Bikeparks – Anlaufstelle nach ersten Erfahrungen in einfacheren Anlagen sein.

Denn erfreulicherweise investieren immer mehr Kommunen in ihre Sport- und Freizeitinfrastruktur, haben beispielsweise Skateparks und Pumptracks errichtet – idealerweise in der Nähe von Kindergärten und Schulen. Das ist die Chance für Breitenwirksamkeit, um an den Schnee- und Bergsport heranzuführen. Dafür wären stadtnahe Trockenpisten („Dry Slopes“) – wie sie beispielsweise in Ungarn gang und gäbe sind – prädestiniert, aber auch viel kleinere Rutschflächen würden erste Gleiterfahrungen ermöglichen.

Im Skilehrwesen können und müssen wir Bewegungserfahrungen abseits des Schnees viel stärker berücksichtigen, sollten uns auch intensiv mit dem Potential von Pumptracks oder kleinen Trockenpisten – und den Transfer von dort auf den Schnee – auseinandersetzen.

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