14. Mai 2021 | 10:52 | Kategorie:
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So weiter wie bisher!?

Die neue bzw. überarbeitete Tiroler Tourismusstrategie ist – Corona-bedingt mit einiger Verspätung – im Anrollen.  Wir dürfen gespannt sein, ob und mit welchen zukunftsweisenden Schritten die dafür Verantwortlichen aufwarten werden. Bisher in die Öffentlichkeit gedrungene Informationen und Argumentationen legen allerdings die Vermutung nahe, dass die Fortschreibung des Bisherigen im Vordergrund stehen und das Aufzeigen neuer, innovativer Wege bestenfalls Beiwerk sein wird.

Das ist wohl der Denke bzw. der Herdenmentalität jener Politiker, Funktionäre und Touristiker geschuldet, die an den Schalthebeln sitzen und in ihren eigenen Zirkeln und Erfahrungsgefängnissen verharren.

Wir sind Weltmeister!

Quer durch ist von dieser Seite nämlich zu vernehmen, dass wir in Tirol die Besten sind und der Tiroler Tourismus eine einzige Erfolgsgeschichte darstellt. Am Tiroler Tourismus gäbe daher nichts zu ändern, allenfalls seien einige Adaptierungen angebracht, beispielweise in Richtung Nachhaltigkeit, Angebotsqualität oder Mitarbeitende.

Zur Entlastung der Verantwortlichen sei jedoch angemerkt, dass es kein leichtes Unterfangen darstellt, für den Tiroler Tourismus große neue Entwürfe zu generieren. Ein erster Schritt in Richtung zu einer neue Diskussionskultur und zu neuem Handeln könnte aber sein, das eigene Tun einmal ernsthaft zu hinterfragen sowie in den Diskurs mit Kritikern und neuen Köpfen einzutreten. Diese Übung mag zwar unbequem sein, sie kann aber zu überraschenden Erkenntnissen führen.

Verkürzte Darstellungen der Realität

In der Folge würde es vielleicht auch leichter fallen, in der öffentlichen Argumentation gegenüber Skeptikern und Kritikern auf verkürzte, nicht einmal die halbe Wahrheit widerspiegelnde Darstellungen zu verzichten. Zwei Beispiele:

Immer wieder wird betont, dass es in Tirol keinen Overtourismus gibt (Zeitpunkt vor der Pandemie), die Nächtigungszahlen seit Jahren nur geringfügig ansteigen und die Anzahl der Betten sogar rückläufig ist. Des Weiteren wird allen Ernstes darauf verwiesen, dass für zur Erzielung der touristischen Wertschöpfung Tirols nur ein verschwindend kleiner Teil der Landesfläche genutzt werden muss.

Zur Entwicklung der Gästebetten ist festzuhalten, dass deren Zahl insgesamt wohl rückläufig ist bzw. stagniert – je nach Beobachtungszeitraum bzw. Bezugsjahr. Externe Investoren bzw. Investorenmodelle tragen jedoch dazu bei, dass innerhalb des Beherbergungsangebots eine nicht zu übersehende Umstrukturierung abläuft. Diese führt sukzessive weg von den viel gepriesenen und stets als Qualitätsmerkmal hochgelobten Familienbetrieben.

Was die Inanspruchnahme von Flächen betrifft, so bedeutet die Reduktion der Daten auf die Skipisten- und Seilbahnfläche eine unzulässige Verkürzung der Sichtweise. Denn in den engen alpinen Seitentälern (und nicht nur hier) werden große Teile des für Siedlungen geeigneten Landes von touristischen Bauten und Verkehrswegen in Beschlag genommen. Außerdem hat die Inanspruchnahme dieser Areale oft beträchtliche Auswirkungen auf das Landschaftsbild und den Naturhaushalt sowie auf die berechtigten Ansprüche jener Bevölkerungskreise, die ihren Lebensunterhalt nicht im Kernbereich des Tourismus verdienen.

Seilbahnen und kein Ende

Auch wenn sich das Beherbergungsangebot mengenmäßig auf einem Plafond eingependelt haben mag, so heißt das noch lange nicht, dass das quantitative Wachstum im Tiroler Tourismus ein Ende gefunden hat. Denn das, was hierzulande an Seilbahnprojekten (insbesondere Skigebietsverbindungen) auf dem Tisch liegt oder in den Schubladen wartet, weist darauf hin, dass aus der Sicht der Betreiber das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist. Abgesehen von den landschaftlichen Eingriffen besteht damit die Gefahr, dass die Schere zwischen Infrastrukturangebot und Beherbergungskapazität immer weiter auseinanderklafft. Diese Lücke muss dann durch neue Bettenkapazität sowie durch die vermehrte Bewerbung von Tagesgästen gefüllt werden, was wiederum zusätzliche Flächen verbraucht und die ohnehin hohe Verkehrsbelastung weiter anheizt.

So weiter wie bisher?

Um nicht missverstanden zu werden: Die Leistungen im Tiroler Tourismus sind unbestritten, der Tourismus auf weite Strecken gut aufgestellt und für die Wirtschaft des Landes essenziell. Dieser Erfolg ist aber wohl auch einer der Gründe dafür, dass sich im Tiroler Tourismus eine gewisse Selbstüberschätzung breit gemacht hat und viele Verantwortliche gegenüber Kritikern und Querdenkern (auch wohlmeinenden) resistent sind. Daher ist zu befürchten, dass nur allzu viele von denen, die an öffentlichen oder betrieblichen Schalthebeln sitzen, jetzt, am Ende des Pandemie-Tunnels, ihr Heil im „weiter wie bisher“ suchen. Und das ohne Abstriche!

14. Mai 2021, 11:28

So wie jedes Unternehmen in Zeitabständen seine Strategie neu ausrichten muss, gilt das natürlich auch für die Tourismusstrategie der Länder. Diese ist natürlich von Interessensgruppen gefärbt, die auch zu Recht ihren Einfluss geltend machen können. Aber in einem demokratischen Prozess sollten sie eine Stimme unter vielen haben und am Ende des Diskussionsprozesses sollte eine neue zukunftsfeste Ausrichtung stehen.

Insgesamt gibt es da einiges, das zu berücksichtigen wäre: die Unternehmer der Hotellerie, Gastronomie und Freizeitwirtschaft, die Seilbahnwirtschaft und ebenso die Landwirtschaft. Letztendlich muss man auch der Umwelt, den Landschafts- und Resourcenverbrauch und nicht zuletzt den Bereisten eine Stimme geben. Die Ablehnung der Olympiabewerbung hat ja gezeigt, dass die Bevölkerung sehr oft anderer Meinung ist, als die politischen Lenker.

So wie es klingt, hat man aber wenig Ambition den bisherigen Weg – der über weite Strecken gut funktioniert hat – zu hinterfragen. Wahrscheinlich ist das auch mit dem bestehenden Führungspersonal auch nicht mehr zu schaffen. Das hat sich ja auf die einfache Formel zurückgezogen: „Wir haben alles richtig gemacht.“ Und nimmt daher für sich in Anspruch genauso weiterfuhrwerken zu können.

15. Mai 2021, 7:46

Zur Ergänzung: all das was Peter schon geschrieben hat. Und:
1/ innerhalb der Strategie wenigstens ganz mutige 10x Zielsetzungen
2/Nutzung von vielen Explorationsfeldern. Die vielen Destinationen mit ihren unterschiedlichen Angeboten und Mitwirkenden sind ein super Experimentierfeld für das große Ganze. Es braucht dann nur noch einen Prozess, der im Dialog Format kundenzentriert alles zusammenhält. Dann kann auch eine brave Strategy (aus bravo wird Englisch brave) viele Innovatives hervorbringen

16. Mai 2021, 13:34

„Wenn einer, der mit Mühe kaum
geklettert ist auf einen Baum
schon meint, dass er ein Vogel wär´
so irrt sich der!“ (Wilhelm Busch)

Als einer, der über 40 Jahre Verantwortung im Tiroler Tourismus innehat(te) und nun so halb zurückblickt, kann ich sagen: Ja, der Tiroler Tourismus ist eine Erfolgsgeschichte. Und ja, der größte Feind anhaltenden Erfolgs ist der Erfolg selber – eine sehr launische Diva. Verflüchtigt sich, ehe man sich´s versieht. Auch Tirol muss sich in Acht nehmen: „Mir san mir“ und „Wir haben alles richtig gemacht“ ist gefährlich. Stattdessen sollten wir ständig das Erreichte in Frage stellen: sind wir auf dem richtigen Weg?

Und damit sind wir beim „Tiroler Weg“ – der Tourismusstrategie Tirols für die nächsten Jahre. Weiter so? Oder alles anders machen? Wirklich Neues wagen, ohne Bewährtes aufs Spiel zu setzen. Sagt sich leicht, ist aber in der gelebten politischen Praxis ein Bohren dicker Bretter. Mein Fazit voraus: Es gibt starke Beharrungskräfte, aber auch große Bereitschaft, Neues zu wagen (meist aber in der jungen, noch nicht ganz etablierten Generation).

Was herauskommt, werden wir sehr bald sehen. Zwei Eckpunkte kann man aber schon nennen. Da ist einmal der Grundsatz: „Mehr Wert statt Menge“. Über das Ziel herrscht Einigkeit, der Weg dorthin ist umstritten und teilweise mit Hürden gepflastert (z.B. die – an sich berechtigte -Gemeindeautonomie in der Raumordnung, oder die Angst vor Wettbewerbsnachteilen – siehe „Anpassungen“ von Pistenflächen). Im Grunde ist aber klar: in Tirol ist das Ende der Mengen- Fahnenstange erreicht. Es geht jetzt um die „Inwertsetzung“ und „Qualität“. Schöne Worte, hinter denen sich eines versteckt: immer und immer wieder die Erwartungen der Gäste an das Urlaubserlebnis zu übertreffen – nicht mit Mehr vom Gleichen, sondern mit Besserem. Für die Besserwisser fern der Talschaften: nein, die Touristen überrennen uns nicht (oder nur zu wenigen Zeiten). Nur wer „an der Front“ kämpft, weiß, welche Herausforderung das Streben nach höchster Qualität jeden Tag darstellt.

Aber der wohl für unsere Zukunft (und vor allem die unserer Kinder) wichtigste Punkt versteckt sich hinter dem Schlagwort der Nachhaltigkeit. Klar, nachhaltig erfolgreich wollten wir schon immer sein – wirtschaftlich. Waren und sind wir auch. Aber wie schaut´s mit der sozio-kulturellen Nachhaltigkeit aus? Warum registrieren wir selbst in einigen hoch erfolgreichen Destinationen eine Abwanderung, teilweise einen „brain drain“, man könnte sagen: eine „Bildungsmigration“ vieler junger Menschen in (attraktivere?) Agglomerationen und Branchen? Stichworte: Modelle zur Ganzjahresbeschäftigung, leistbares Wohnen, Kinderbetreuung. Lohnt es sich noch (nicht nur wirtschaftlich), den Betrieb von den Eltern zu übernehmen?

Und da wäre noch die ökologische Nachhaltigkeit. Wie viele Top-Destinationen kennen eigentlich ihren Co2e-Fußabdruck? Wie schaut es mit der regenerativen Energienutzung (z.B. in der Vor-Ort-Mobilität) aus? Mit welchen Maßnahmen wollen wir – die Destinationen – bis 2030-2035-2040 die Paris- (oder bald die Glasgow-)Klimaziele erreichen? Wie wollen wir diese enorm anstrengende Transformation organisatorisch UND finanziell stemmen- und so nebenbei noch genauso wettbewerbsfähig bleiben wie bisher?

Mit Wilhelm Busch sollten wir demütig, aber zielstrebig in die Zukunft schauen. Der „Tiroler Weg“ soll eine Richtung weisen, einen Rahmen geben und somit einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen leisten. Warten wir auf die Verkündigung. Es bleibt spannend!

Dr. Franz Tschiderer

16. Mai 2021, 19:04

Vielen Dank Franz Tschiderer für deinen ausführlichen Kommentar, der auf Erfahrungen und Erkenntnissen aus jahrzehntelanger, wegweisender Tätigkeit im Tiroler Tourismus beruht. Folgende Anmerkungen bzw. Hinweise scheinen mir von besonderer Bedeutung:

Das Spannungsfeld zwischen den starken Beharrungskräften und der durchaus großen Bereitschaft, Neues zu wagen: Daraus resultiert die Frage, wie, wo und wann wir den innovativen Kräften auf überbetreblicher Ebene mehr Gehör und Wirkung verschaffen können.

Von zentraler Bedeutung ist deine Bemerkung, dass im Tiroler Tourismus im Grunde das Ende der Mengen-Fahnenstange erreicht ist. Das ist eine aktive Ansage, die Gewicht besitzt und die in wohltuendem Gegensatz zu den ständig wiederholten Verteidigungsfloskeln von Politikern und Interessensvertretern steht.

Dein Hinweis auf die Bedeutung der sozio-kulturellen Nachhaltigkeit ist essenziell. Sieht man sich in alpinen Regionen und in der Literatur um, muss man jedoch zur Kenntnis nehmen, dass wirtschaftlich gemischte Strukturen für sozial-kulturelle Nachhaltigkeit einen fruchtbareren und leichter zu beackernden Boden ergeben als (touristische) Monostrukturen.

Mit der ökologischen Nachhaltigkeit sprichst du ein weites und in die Zukunft gerichtetes Handlungsfeld an. Auch wenn dazu bereits schöne tourismusbezogene Initiativen laufen ist noch sehr viel mehr zu tun. Der von dir erwähnte Co2 Fußabdruck wäre ein substanzielles Kriterium, das sich auch für das Monitoring der ökologischen Qualität von Destinationen anbieten würde. Keine wirkliche Aussagekraft haben hingegen die immer wieder bemühten Verweise auf die rückläufige Zahl der Gästebetten oder die geringe Flächeninanspruchnahme durch Skipisten und Seilbahnen.

Es wäre sehr zu wünschen, dass die Themen, die du ansprichst, auch im öffentlichen Tourismusdiskurs (mehr) zur Geltung kommen. Insbesondere wäre es wichtig, dass nicht allein die beharrenden Kräfte die Diskussion dominieren, sondern auch die jüngere, innovative und noch nicht so etablierte Generation zu Wort kommt. Dann würde man sich bei derlei Anlässen nicht mehr nur müde zurücklehnen, sondern aufmerksam die Ohren spitzen.

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