6. April 2020 | 13:13 | Kategorie:
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Die Wirtschaft in Schockstarre

ein Fehler und seine Bewältigung

Die vielfältigen Reaktionen auf den Beitrag von Renate Danler haben es gezeigt: Es herrscht Schockstarre und Bestürzung in dem Bundesland mit dem Österreichs Tourismus am meisten assoziiert wird. Während die Bundespolitik rechtzeitig und professionell auf die Krise reagiert hat, musste Professionalität in dem touristisch am meisten exponierten Bundesland vermisst werden. Zuerst wurde verharmlost, dann falsch reagiert und dann eine mehr als patscherte Öffentlichkeitsarbeit gezeigt. Die erreichte dann darin ihren „Peak“, dass man einen bundesdeutschen Fernsehsender gleich von einer Pressekonferenz ausschloss. Gekonnte Krisenbewältigung sieht wohl anders aus.

ein Paket für die Wirtschaft

Mittlerweile liegt das Wirtschaftspaket der Regierung vor. Es zeigt, dass auch unter Druck einiges gelungen ist:

  1. Von den Banken wird durch einen Kredit mit Haftung des Bundes rasch Liquidität bereitgestellt.
  2. In der Folge wird dieser Kredit teilweise durch einen verlorenen Zuschuss abgesenkt. Dafür hat man sich allerdings Zeit bis zum Legen des Jahresabschlusses, der eine Bemessung des Verlustes erlaubt, gelassen.

die Hilfe wird viele nicht erreichen

Eine Verlustabdeckung greift allerdings erst bei einem Umsatzrückgang von mindestens 40 % und somit muss etwa eine unter diesem Wert liegende Umsatzeinbuße vom Unternehmen ohne Hilfe gestemmt werden. Das scheint angesichts der Eigenkapital­schwäche und der fehlenden Reserven der meisten KMUs eine zu hohe Hürde zu sein. Die im laufenden Wirtschaftsjahr auftretenden Verluste werden das noch vorhandene bilanzielle Eigenkapital aufzehren und der zusätzliche Kredit wird die Verschuldung weiter erhöhen, sodass eine bilanzielle Überschuldung vorliegt. In etlichen Fällen wird dann in der Folge wohl die Staatshaftung im Insolvenzverfahren zum Tragen kommen.

Da macht es wohl mehr Sinn gerade für KMUs eine niedrigere Eintrittsschwelle zu legen, um mögliche Zusammenbrüche zu vermeiden.

Bilanzerstellung problematisch

Das würde auch die Bilanzerstellung von Unternehmen erleichtern, die derzeit in einigen Fällen Sorgen bereitet. Schließlich ist lt. UGB im Anhang darauf zu verweisen, wenn der Fortbestand des Unternehmens gefährdet ist. Aber angesichts von Zwangsschließungen von Hotels und Restaurants, dem Dauer-Grounding von Fluglinien auf vorläufig noch unbestimmte Dauer, den beinahe weltweiten Reisebeschränkungen und der noch immer nicht abgelegten Schockstarre des Reisepublikums braucht es schon ein hohes Maß an Zuversicht die Fortführungsprognose ausschließlich positiv zu sehen.

6. April 2020, 20:51

Ich bin wahrlich kein Verfechter des Intensivtourismus in Tirol und ich gehöre auch nicht zu denen, die ausziehen, um den Tiroler Landeshauptmann, der für den Tourismus politisch zuständig ist, in Schutz zu nehmen. Auch wenn ich so manche Entwicklungen und Vorkommnisse im Tiroler Tourismus mit gehöriger Skepsis betrachte, empfinde ich das Corona-bezogene Tirol- bzw. Ischgl-Bashing inzwischen als unerträglich. Dieses Empfinden teilen auch Menschen in meinem Umfeld, die mit Tourismus aber schon gar nichts am Hut haben. Was Landeshauptmann Günther Platter anbelangt, so denke ich, dass er im Zusammenhang mit der Corona-Krise einen guten Job macht, was sich inzwischen deutlich in den Zahlen niederschlägt. Bei dem einen oder anderen Politiker und / oder Behördenvertreter schaut die Sache aber sicher anders aus.

Zweifelsohne wurden in Tirol im Umgang mit dem Corona-Virus Fehler gemacht. Zudem mögen die Stärken des erfolgsverwöhnten Ischgl nicht unbedingt in der Krisenkommunikation angesiedelt sein.

Doch auch andere haben in der aufkeimenden Corona-Krise gehörig danebengegriffen bzw. sich nicht so verhalten, wie man es im Rückblick – und z.T. auch aktuell – erwarten würde. Es liegt mir fern, diese Orte und Länder an den Pranger zu stellen. Zur Relativierung des Geschehens in Tirol und in Ischgl empfehle ich einen Blick in die Facebook-Videobotschaft von Tobias Moretti (https://www.tp-blog.at/allgemeines/tobias-moretti-zur-corona-kritik-an-tirol). Dazu passt auch der Beitrag „Party bis zum Abschwung: Nicht nur in Tirol waren Skigebiete Corona-Herde“ im Online-Standard vom 04. April. 2020 (https://www.derstandard.at/story/2000116503424/party-bis-zum-abschwungnicht-nur-in-tirol-waren-skigebiete-corona).

Dass die Gegebenheiten und die gemachten Fehler in Tirol für die Medien ein gefundenes Fressen sind, liegt auf der Hand. Dieser Medien-Hype ist wohl auch auf den hohen touristischen Bekanntheitsgrad von Tirol und Ischgl zurückzuführen. Selbst der Beitrag in ORF 2 vom 2. April 2020 mit dem Titel „Ausnahmezustand in Ischgl“ kann sich einer tendenziösen Berichterstattung nicht entziehen. Da hat mir z.B. der eine oder andere kompetente Ansprechpartner gefehlt, der die Geschicke des Ortes in den letzten Jahren und Jahrzehnten mit höchster Professionalität gesteuert und vorangetrieben hat.

7. April 2020, 10:27

Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben
– wie die eigene Weltsicht den Umgang mit der aktuellen Krise beeinflussen kann

Ich berate mit meinem Unternehmen die Hotellerie auf dem Sektor Kommunikation bzw. Marketing. Meine Kunden befinden sich ausschließlich im Westen Österreichs bzw. auch auf der anderen, mindestens ebenso leidgeprüften Seite Tirols, ich selbst lebe in Innsbruck (und sollte eigentlich neuerdings zwischen Tirol und Mallorca pendeln). Zweifelsohne sind die Hoteliers massiv von den Auswirkungen des Coronavirus betroffen. Und indirekt auch ich sowohl in geschäftlicher als auch in privater bzw. persönlicher Hinsicht (Bezugsperson im Nachbarland unerreichbar, der neue Zweitwohnsitz in Spanien kann justament in diesem Moment nicht bezogen werden etc.).

Bei allem Respekt vor den im Moment einmal erzwungenen Rahmenbedingungen und etwaigen Befürchtungen um die eigene Gesundheit erscheint mir jedoch die Fragestellung zu beleuchten, welches Vertrauen man in die Welt und in sich selbst besitzt. Mir erscheint die Frage der mentalen bzw. psychologischen Komponente rund um das C-Thema als eine Entscheidende. Dies betrifft die Haltung der Hoteliers genauso wie jene der Konsumenten, die ich im übrigen für viel „kaufwilliger“ halte als so manch Unternehmer es wahrhaben möchte, zumal auch diese 1+1 zusammen zählen und sehr wohl davon ausgehen, dass sie in absehbarer Zeit ihr Tirol aus der Nähe betrachten dürfen werden.

Ich persönlich denke, dass gerade die Medien in den letzten Wochen und Monaten ihren Teil zur nun von manchen so wahrgenommenen Schockstarre beigetragen haben und eine regelrechte Hysterie ausgelöst haben, ein Vorbeischwindeln am Thema war nicht einmal beim Aufrufen der Mediatheken der TV-Sender möglich. Ein intensiv genutztes Vokabular wie „Ausgangssperre“, „shut down“, „lock down“, martialische Bilder von beulenpestartigen Wucherungen, Ganzkörperschutzanzügen und die bildliche Untermalung eines jeden Beitrags auch in Qualitätsmedien durch vermummte Gestalten in spitalsgrünen oder weißen Schutzmasken ließen den Eindruck der Apokalypse entstehen, die Brachialsprache mancher Innenminister („härteste Maßnahmen“) dienten meiner Ansicht auch nicht gerade der Beruhigung der Bevölkerung. Die täglichen Fallzahlen, die notgedrungen nur steigen konnten, so wenig aussagekräftig sie sein mochten, taten dazu ein Übriges. Wer sich das in großen Mengen hineinzog, musste zwangsläufig ein Bild vom Ende der Welt, zumindestens vom Ende des Vergnügens, erhalten. Davor sind auch, wie ich in Gesprächen mit deutschen Medienpartnern, die ich für Marketingkooperationen brauche, viele Entscheider in diesen Medienunternehmen nicht gefeit gewesen und waren dabei, für Mai geplante Werbeprodukte abzusagen. Sogar Online-Unternehmer aus anderen Branchen, deren Geschäfte derzeit gut laufen, vermittelten mir in diversen Telefonaten den Eindruck einer düsteren Welt (einer sprach wortwörtlich letzte Woche von „prekär“ und meinte damit nicht die nächsten 4 Wochen), beim Einen oder Anderen mischten sich noch Verschwörungstheorien darunter. Aber ich traf auch auf Menschen, die einen ganz pragmatischen Zugang dazu hatten und meine optimistische Grundhaltung teilten. Das bayrische „Schau ma mal“ tat mir wohl.

Meiner persönlichen Logik folgend traf ich bereits vor vielen Wochen diese Entscheidungen:
1) Medienkonsum auf ein absolutes Minimum reduzieren, ich beschränkte mich auf Business- und Finanznewsletters und nahm am Mitzählwettbewerb nicht mehr teil, TV existiert für mich nicht, soziale Medien zum Thema muss ich berufsbedingt selbst bedienen, halte mich dort jedoch fern von diversen Grüppchen, Foren und vor allem von Nachrichten. Mich persönlich Betreffendes würde ich ohnehin auf direktem Weg erfahren.
2) Ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass keine Regierung dieser Welt und keine Wirtschaft dieser Welt einen „shut down“ über einen längeren Zeitraum zulassen könnte, bei allem Respekt vor dem Schutz des Lebens. Man würde und man wird auch Wege finden, mit Corona leben zu müssen wie mit anderen Krankheiten, unsere Gesellschaften werden sich sehr rasch darauf einstellen, trotzdem reisen, die Medizin wird sich weiter entwickeln etc. . Diese Haltung bezeichne ich als „Vertrauen in die Welt“. Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: ich nenne dies bewusst nicht „Universum“, weil mir selbst jeglicher esoterischer Zugang vollkommen fremd ist.
3) Ich suchte sofort nach Lösungen für meine Kunden und somit natürlich auch für mein Unternehmen.
Ich habe bereits am berühmten Freitag, den 13.3. mit meinen engsten Kunden Kontakt aufgenommen, noch am selben Wochenende Strategien ausgearbeitet und wir haben am darauf folgenden Montag auf den Websites, in den sozialen Medien und per Newsletters reagiert. Wir haben die Inhalte der Kommunikation verändert, die Kommunikation jedoch aufrecht erhalten, wenn nicht sogar intensiviert. Wir haben Lebenszeichen aus der Region, die ja von den Gästen geliebt wird, gesandt, authentisch und ehrlich kommuniziert und uns Themen gefunden, die viel mehr waren als die inflationären und meiner Meinung nach inhaltsleeren Durchhalteparolen und ähnliche Appelle. Wir haben die Chance genutzt, die Kernkompetenzen des jeweiligen Hotels zu spielen. Und ich denke, dass ich mit meiner Haltung meine Kunden angesteckt habe, Ihnen vor allem Hoffnung wohlbegründet und glaubhaft vermitteln konnte und ich behaupte in aller Bescheidenheit, dass genau das etwas ist, durch das sich auch Berater auszeichnen sollten: „Leadership“. Wir hatten längst exakt jene Maßnahmen eingeleitet, die dann zwei Wochen später in diversen Branchennewsletters (nicht nur Tourismus) von den Granden meines Berufsstands und offiziellen Gremien als Krisenmanagement bezeichnet worden sind.

Ich wage heute zu behaupten, dass jene Hoteliers, die meine diesbezüglichen Angebote genutzt haben, damit gut gefahren sind und sich auch in ihrer Haut wohler fühlen. Die Suchanfragen in Google unterscheiden sich kaum von jenen Ende März/Anfang April 2019 und wir haben gerade auf dem Sektor Gutscheinmarketing (wer halt einen Gutscheinshop hat) schon recht bald kleine Erfolge eingefahren und somit auch die cash-flow-Situation ein wenig abgefedert.

Fazit: die Schockstarre, von der nun so viel gesprochen wird, ist zu einem gewissen Grad auch hausgemacht, womit ich die Rahmenbedingungen, die natürlich äußerlich betrachtet zu einem Macht- und Kontrollverlust geführt haben, keineswegs kleinreden möchte. Und manchmal frage ich mich selbst, was wir von einer Gesellschaft erwarten, in der eine Wetterapp mich Ende März anlässlich angekündigter Nachttemperaturen von Minus 4 Grad mit einer Wetterwarnung namens „extreme Kälte“ gewarnt hat (nein, nicht Mallorca, sondern Innsbruck!).

Deshalb bin ich der festen Überzeugung: Realität ist verhandelbar (Bodo Schäfer, „die Gesetze der Gewinner“) und „hüten Sie sich vor der Falle, Ihre eigenen lähmenden Annahmen oder die anderer ungeprüft zu akzeptieren“ (Anthony Robbins, „das Robbins Power Prinzip“). Diese beiden Zitate helfen mir schon länger und selten erschienen sie mir für mein eigenes Tun wichtiger als in diesen Wochen. Und könnten vielen Menschen aktuell Mut machen.

7. April 2020, 12:51

Lieber Peter, deinem Kommentar kann ich nur zustiimmen.

7. April 2020, 16:45

Die Ermittlung des Umsatzrückgangs als auch der Fixkosten erfolgt für den „Krisenzeitraum“, also ab 15.03. – bis zur Beendigung der Krise (Zeitpunkt wird von Regierung festgelegt). Ich nehme an, dass die meisten Betriebe in diesem Zeitraum einen Umsatzausfall von mehr als 60% haben werden.

Beherbergungs- und Gastronomiebetriebe können, abhängig vom Umsatzausfall des Unternehmens, Fixkosten geltend machen.
Dazu zählen Geschäftsraummieten (wenn der Mietzins nicht reduziert werden konnte und in unmittelbaren Zusammenhang mit der Geschäftstätigkeit steht), Versicherungsprämien, Zinsaufwendungen (sofern diese nicht gestundet werden konnten), betriebsnotwendige, vertragliche Zahlungsverpflichtungen (die nicht gestundet oder reduziert werden konnten), Lizenzkosten, Zahlungen für Strom / Gas / Telekommunikation).

Folgende Grenzen für die Ersatzleistungen wurden festgesetzt:
• 40 – 60 % Umsatzausfall: 25% Ersatzleistung der Fixkosten
• 60 – 80 % Umsatzausfall: 50% Ersatzleistung der Fixkosten
• 80 – 100 % Umsatzausfall: 75% Ersatzleistung der Fixkosten

@ Ischgl: Das Angebot korreliert mit der Nachfrage und war sehr beliebt /bzw. erfolgreich. Die Kommunikation war nicht erprobt und sehr schwierig – Natürlich wurden Fehler gemacht. Das Krisenmanagement wird mit Sicherheit verbessert. Keine Angst, Krisen werden im Kurzzeit Gedächtnis abgespeichert und wenn uns der Urlaub und die Mobilität nicht so am Herzen liegen würde, dann würden wir uns alle im Gefängnis wohlfühlen.

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